Ulrich MeisterUlrich Meister

Ulrich Meister

20. September bis 2. November 1997

Neue Arbeiten. Einführung: Irene Veenstra, Eindhoven.
In Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Recklinghausen. 

"Das Käsestück. Wenn ich zum Stift greife, um ein Stück Käse zu zeichnen, das keilförmig aus einem runden Käselaib herausgeschnitten ist, bin ich mir klar, daß ich mich neben bereits erfolgten Entscheidungen noch auf eine Menge neue gefaßt machen muß.
Mit der Wahl des Motivs aus der Alltagswelt nehme ich klar Stellung, welchen Bereich des Lebens ich hauptsächlich untersuchen möchte, aber auch für eine künstlerische Tradition.
Allein schon praktische Gründe sprechen dafür. Ist doch dadurch der Schritt von der praktischen Lebensbewältigung zur Befriedigung der geistigen Bedürfnisse fast übergangslos. Dazu kommt noch, daß ich nicht an "Inhalte" glaube, nur an "Form". Ob ich ein Haus, einen Baum, die menschliche Figur oder eben ein Stück Käse zu meinem Thema mache, die Formensprache, aus der ich schöpfen kann, die bildnerischen Fragen, die ich lösen muß, bleiben immer gleich."
Ein Bild ist nur etwas in einer Bildersprache" hat Wittgenstein einmal gesagt. Und an anderer Stelle sagt er: "Ein Ding als es selbst erkennen, heißt nichts." Ob ich zu visuellen oder verbalen Mitteln greife, das Beschreiben, das Abbilden der Welt ist mit dem Messen eines Dinges mit dem Meter-Maß vergleichbar. Was ich als Ergebnis erhalte, wird immer durch das Mittel bestimmt. Wie ich es auch mache, ich bleibe immer gleich weit vom Ding entfernt. Was ich darstellen kann, sind die Eigenschaften der Mittel und ihre Möglichkeiten - seien es die des Strichs, der Farbe, der Sprache oder der Fotografie.
Ein Stück Käse mit breitem Pinsel auf Leinwand gemalt oder fotografiert oder gezeichnet mit einem Stift, freihändig auf Papier, wird immer anders. Neben dem Motiv bringt sich das jeweilige Medium mit seinen sinnlichen Eigenschaften immer selbst zur Darstellung. Motiv und Medium gehen eine Verbindung ein. Zu welcher Seite sich das Ergebnis mehr neigen soll, wie es ausbalanciert werden kann, das ist der Spielraum, der sich mir als Künstler eröffnet, den ich aber auch möglichst überschauen will, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, um hinzugelangen, wohin ich will und möglichst noch ein kleines Stück darüberhinaus.
Fühle ich mich nun von einem Stück Käse angezogen, so sehr, daß ich den Drang verspüre, es zu zeichnen, so vergegenwärtige ich mir gleich, daß es nicht der Käse selbst ist, der mich in Spannung versetzt, sondern seine Form, oder besser: ein bestimmter Aspekt seiner Form.
Und ich gehe davon aus, daß es die Beschäftigung mit einem Aspekt der Form eines Gegenstandes war, der mich darauf aufmerksam werden ließ. (Gehe ich nach Besichtigung einer Ausstellung mit monochromer Malerei auf die Straße, so fallen mir als erstes die sich klar unterscheidenden Farben in meiner Umgebung auf.)
Greife ich nun endlich nach dem Stift, um mittels Linie (und Hand) mein Erlebnis beim Betrachten des Käses zu beschreiben, bzw. abzubilden, so ist nicht von unwesentlicher Bedeutung, warum und für welche Art Stift ich mich entscheide, aber worauf ich die Linie auftrage, bzw. mit welchem Medium sie sich verbinden soll etc.
Dann ist von Bedeutung, welche Möglichkeiten die Linie selbst in sich birgt.
Eine Linie symbolisiert immer etwas oder drückt etwas aus oder beides. Sobald sie die Grobrichtung der Geraden verläßt und sich zur Form zu biegen beginnt, weckt sie die Neugier, was sie darstellen will. Darf sie, trotz der Funktion, die sie erfüllen soll, noch sich selbst darstellen? Eigencharakter haben? So setzen sich die Fragen endlos fort." 
Ulrich Meister im Juli 1997

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Gefördert von der Stadt Neuenhaus und dem Land Niedersachsen.

 
Fotos: G.Thiessen-Schneider
Fotos: G.Thiessen-Schneider